von Fabian Volz, Kevin Dursun und Tobias Gräßle (Kl. 10c), Unterricht Frau Banghard- Jöst
Prof. Dr. Christian Schwarz-Schilling wurde am 19. November 1930 in Innsbruck geboren. Er ist ein deutscher Politiker und auch Unternehmer. Von 1982 bis 1992 war er als Bundesminister für das Post- und Fernmeldewesen verantwortlich. Nach langer Tätigkeit als Streitschlichter im Bosnien-Krieg war er von Januar 2006 bis Juni 2007 der „Hohe Repräsentant“ der UN für Bosnien und Herzegowina.
Er überwachte in dieser Funktion das Friedensabkommen von Dayton. Noch heute setzt sich Christian Schwarz-Schilling gegen die Abschiebung von Flüchtlingen in deren zerstörte Heimat ein. Für dieses Engagement wurden ihm bisher zahlreiche Preise verliehen, unter anderem der Hessische Friedenspreis. Am 16.01.10 erhielt er im Rahmen des Neujahresfestes den Integrationspreis der Diaphania, Europäische Gesellschaft für Politik, Kultur, Soziales e.V.
Nach der Veranstaltung war es Schülerinnen und Schülern der Klassen 9,10,11 und 12 des Mönchsee-Gymnasiums möglich, Herrn Schwarz-Schilling über den Krieg in Bosnien zu befragen.
Welche Ursachen hatte Ihrer Meinung nach der Krieg?
Nachdem der Kommunismus zusammengebrochen war, entstand in Serbien die Diktatur unter Milosevic. Dieser propagierte, dass die Serben Gesamtjugoslawien beherrschen sollten. Daher kämpften die Serben gegen die Unabhängigkeits-bestrebungen der anderen Völker und es begann ein Krieg, vor allem gegen die Zivilbevölkerung. Milosevic wollte eine neue Ideologie der serbischen Herrschaftsberechtigung aufbauen. Dabei führte er den Krieg auch gegen den Willen eines Teils der Serben.
Wie wurde der Krieg geführt?
Die Kriege wurden grundsätzlich sehr gewalttätig geführt, das heißt viel Gewalt,Vergewaltigungen etc. waren im Spiel. Die Ermordung unschuldiger ziviler Bürger war nicht ausgeschlossen.
Weshalb wurden so viele Frauen vergewaltigt?
Zuerst einmal möchte ich sagen, dass es eine sehr schreckliche Sache war. Wenn Soldaten unter sich sind und denken, sie können alles machen, was sie wollen, kommt so etwas oft vor.Die Soldaten sehen das als die Belohnung für ihren Job. Dabei sind die Frauen sehr arm dran. Die Soldaten denken, sie wären frei und könnten alles machen, was sie wollten, doch wissen sie dabei oft nicht einmal, welchen Schaden sie anrichten.
Wer waren die Opfer, wer die Täter?
Man kann dies nicht pauschal sagen. Historisch ist zu belegen, dass die serbische Armeenach Bosnien gegangen ist, um gegen die Zivilbevölkerung zu kämpfen und Massaker anzurichten. Die einzige Möglichkeit war, sich zu unterwerfen oder insAusland zu fliehen. Zu den Opfern zählte hauptsächlich die Zivilbevölkerung: Bosniaken und Kroaten Die Täter waren vorwiegend die Serben, da sie politische Entscheidungen blockieren konnten, jedoch wiederhole ich nochmals, dass man dies nicht verallgemeinern kann, man muss es in der Mehrzahl betrachten.
Welche Aufgaben hatten Sie in Sarajewo?
In Sarajewo war ich nur zum Teil. Ich war im ganzen Land als Streitschlichter unterwegs. Ich musste öfters nach Bosnien- Herzegowina, um das Zusammenleben zwischen den Menschen zu verbessern bzw. überhaupt erst möglich zu machen. Dies dauerte oft sehr lange. Ich habe mit der Bevölkerung sehr viele Verträge geschlossen, welche zum Teil auch sehr erfolgreich waren. Ein Teil des Vertrags war, dass Flüchtlinge integriert werden sollen. Insgesamt gab es 120 Verträge.
Was haben Sie persönlich für Ihre Einsätze geopfert?
Ja, gute Frage (lachen). Natürlich hatte ich eine Zeit lang keine Ruhe und auch oft schlaflose Nächte. Natürlich wurde mir außerdem ein Teil meines Lebens genommen. Es bestand häufig auch Gefahr für mein eigenes Leben, wenn ich mich in Städten oder auch in Flugzeugen aufhielt, die angegriffen wurden.
Braucht man das Militär in Bosnien?
Eigentlich nicht so sehr, da man nicht von Gruppen angegriffen wird, sondern nur von einzelnen Personen und Einzelkämpfern. Doch bis 2015 wird es auf jeden Fall noch vor Ort sein. Wie lange das Militär noch dort sein wird, hängt auch von finanziellen Aspekten ab und der Meinung von Spezialisten.Man braucht das Militär nur, da viele Bewohner Bosnien- Herzegowinas noch Waffen daheim besitzen. Dies stellt ein großes Problem dar. Sie besitzen diese Waffen, da sie Angst haben, in kritischen Situationen allein gelassen zu werden und somit von der Internationalen Gemeinschaft im Stich gelassen werden.
Welche Meinung haben Sie zum Einsatz deutscher Truppen im Afghanistan?
Militärische Einsätze wurden über- und zivile Einsätze unterbewertet. Man kann nicht nur durch Militär ein Land aufbauen. Es herrschte keine richtige Ausbalanciertheit. Zivile Projekte müssen verstärkt werden, eventuell müssen in Europa Lehrer, Polizisten usw. ausgebildet werden. Außerdem ist zivile Hilfe sehr viel länger wichtig als militärische.
Wurden die Balkankriege von den Medien richtig vertreten?
Medien haben eine sehr gewichtige Rolle gespielt, und zwar wurden damals sehr gute Artikel geschrieben. Das Problem war nur, dass die Politik nicht mitgezogen ist und ich auch deshalb aus dem Kabinett ausgetreten bin.Politiker waren der Meinung, dass sie sich aufgrund der Vorgeschichte Deutschlands aus dieser Sache raushalten sollen. Ich war jedoch anderer Meinung und zwar, dass Deutschland gerade wegen seiner Vergangenheit eingreifen sollte.
Denken Sie, dass Sie in ihrem Amt als politischer Streitschlichter alles erreicht haben, was Sie sich vorher vorgenommen hatten?
Was damals im Rahmen der Aufgabe eines internationalen Streitschlichters vorgesehen war, habe ich weitgehend erreicht. Ich hätte noch viel mehr erreichen können, wenn ich keine Gegner gehabt hätte. Durch diese wurde meine Arbeit erschwert und ich konnte nicht all meine Pläne umsetzen. Doch ich bin auch auf meine erfolgreiche Arbeit stolz.
War der Kosovokrieg Sündenfall oder Segen?
Der Kosovokrieg war wichtig, denn wir wollten die Rechtsstaatlichkeit auf dem Balkan verteidigen. Ohne den Kosovokrieg wäre dies nicht möglich gewesen. Im Kosovo herrschte eine Unterdrückung von 95 Prozent der Menschen durch eine Minderheit der Serben. Überall wurden die Kosovo-Albaner herausexpediert und Serben eingesetzt. Menschenrechtsverletzungen nahmen immer stärker zu. Hätten wir das zugelassen, hätten wir uns in Europa von unserem Anspruch verabschiedet, für Recht und Freiheit einzutreten.
Hätte es eine friedliche Konfliktlösung gegeben?
Der serbische Präsident Slobodan Milosevic war nicht in der Lage oder nicht willens, zu einer friedlichen Einigung zu kommen. Er hat es in seiner Uneinsichtigkeit ja verhindert, dass diese Frage überhaupt in Dayton erörtert wird. Er hat mit Abreise gedroht, wenn das Thema Kosovo auch nur behandelt werde. Von einem Sündenfall kann folglich keine Rede sein. Ein Sündenfall wäre es gewesen, wenn wir die Dinge hätten genauso treiben lassen wie damals in Bosnien.
War der Krieg also eine Lektion aus dem vorangegangenen Versagen Europas auf dem Balkan?
Europa hat versagt. Die Lektion wurde aber vor allem denjenigen erteilt, die diese Grausamkeiten, dieses Unrecht in Gang gesetzt haben. Europa hatte darunter praktisch nicht zu leiden. Wir haben nur Flüchtlinge aufgenommen und uns später mit der Nato dagegen gewehrt, dass das so weiter geht dort. Das war im Grunde genommen eine Selbstverteidigung Europas.
Kosovo ist nun seit einiger Zeit unabhängig. Sehen Sie jetzt die Umkehrung der Probleme, die Unterdrückung der Serben?
Ich bin bis heute als Streitschlichter für den Kosovo, Mazedonien und Südserbien engagiert. Die Schwierigkeit ist, dass Serben, die zur Zusammenarbeit im Stadtparlament und in den Ausschüssen bereit sind, von Belgrad eher abgestraft als unterstützt werden. Belgrad versucht immer noch die serbische Minderheit von einer Kooperation mit den Albanern abzuhalten. Da herrscht eine Drohkulisse. Serben, die sich mit den Albanern zusammensetzen, müssen Angst vor den eigenen Leuten haben.
Meinen Sie, ohne diese Einflüsse aus Belgrad wäre dieser Staat in Europa funktionsfähig?
Nur, wenn auch die internationale Gemeinschaft konsequent ihre Aufgaben erfüllt. Dadurch dass Serbien das torpediert und Kosovo nicht anerkennt und Russland dieses bis jetzt unterstützt, ist eine schwierige Ausgangsposition gegeben. Das ist der Störfaktor. Wenn man sich auf die Prinzipien von Demokratie, freien politischen Willen, Absage an Gewalt verständigen würde, würde dieser Prozess sehr viel schneller gehen.
Könnte sich die Anerkennung des Kosovo als vorschnell erweisen?
Nein, die überwiegende Mehrheit der Europäischen Union hat den Kosovo als Staat anerkannt. Etwas anderes war nach den fürchterlichen Ereignissen gar nicht möglich.
Wenn Sie noch einmal einige Jahre weiter denken: Wird das Kosovo dann EU-Mitglied sein?
Kosovo wird, genau wie die anderen Staaten des Westbalkans, im Laufe der nächsten zwölf Jahre ein Mitglied der Europäischen Union sein. Wir können es uns nicht leisten, hier ein schwarzes Loch zu lassen. Wir haben ein ureigenes Interesse, dass wir mitten in Europa nicht eine völlig unsichere Region bekommen.
Sehen Sie eine EU-Perspektive für Bosnien?
Die sehe ich natürlich, aber die EU muss sich dann auch mit den Realitäten auseinandersetzen und nicht sagen, Bosnien ist ein Land wie jedes andere. Hier ist der schlimmste Völkermord seit dem Zweiten Weltkrieg in Europa passiert mit Hunderttausenden von Toten, entsetzlichsten Massakrierungen und entsprechenden Grausamkeiten. Das kann man nicht so einfach vergessen und meinen, das sei jetzt ein normales Land. Hier wird es auf Jahrzehnte Traumatisierungen geben, und entsprechend ist eine ganze Generation davon gezeichnet. Das kann man nicht über einen Leisten schlagen, und da muss auch die Europäische Union, sprich die Kommission und der Rat, mit einer anderen spezifischen Haltung auf dieses Land zugehen. Letztlich gibt es ja auch eine Bringschuld, nämlich die, dass Europa in den 90er Jahren bei der Verhinderung dieses Völkermordes völlig versagt hat und nur durch die Vereinigten Staaten überhaupt die Wende zu Dayton nachher gekommen ist.
